Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden. Fast jeder Mensch kennt sie – vom leichten Druckgefühl, das nach etwas Ruhe wieder verschwindet, bis hin zu starken Schmerzen, die den Alltag, die Arbeit und den Schlaf deutlich beeinträchtigen können.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind rund 40 % der Weltbevölkerung von Kopfschmerzerkrankungen betroffen. Basierend auf den Daten aus dem Jahr 2021 entspricht dies etwa 3,1 Milliarden Menschen. Kopfschmerzen können in jedem Lebensalter auftreten und betreffen insgesamt Frauen häufiger als Männer. Besonders deutlich zeigt sich dieser Unterschied bei Migräne.
Auch wenn wir im Alltag häufig einfach sagen «Ich habe Kopfschmerzen», ist Kopfschmerz nicht gleich Kopfschmerz. Ähnliche Beschwerden können durch unterschiedliche Mechanismen entstehen und verschiedene Ursachen haben. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, um welche Art von Kopfschmerzen es sich handelt und welche weiteren Symptome damit einhergehen.
Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz
Die Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3) unterscheidet zahlreiche verschiedene Kopfschmerzformen. Grundsätzlich werden sie in primäre und sekundäre Kopfschmerzen eingeteilt.
Bei primären Kopfschmerzen ist der Kopfschmerz selbst die Erkrankung und nicht die Folge einer anderen zugrunde liegenden Erkrankung oder Störung.
Zu den häufigsten Formen gehören:
- Migräne – tritt typischerweise in Attacken auf, die mehrere Stunden bis mehrere Tage andauern können. Die Schmerzen sind häufig pulsierend, mittelstark bis stark und können einseitig auftreten. Begleitend können Übelkeit sowie eine erhöhte Licht- und Geräuschempfindlichkeit vorkommen.
- Spannungskopfschmerzen – werden häufig als drückend oder einengend beschrieben, manchmal wie ein Band um den Kopf. Die Schmerzen sind in der Regel leicht bis mittelstark und treten häufig beidseitig auf.
- Cluster-Kopfschmerzen – kommen deutlich seltener vor, können jedoch äusserst intensive Schmerzen verursachen. Typischerweise treten sie einseitig auf, insbesondere im Bereich des Auges oder der Schläfe. Begleitend können auf derselben Seite beispielsweise ein tränendes oder gerötetes Auge sowie Beschwerden im Bereich der Nase auftreten.
Sekundäre Kopfschmerzen entstehen hingegen als Folge einer anderen Erkrankung oder Störung. Sie können sehr unterschiedliche Ursachen haben und in bestimmten Fällen auch mit Strukturen des Nackens, der Augen, der Nasennebenhöhlen, der Zähne, der Mundhöhle oder des Gesichts zusammenhängen.
Aus physiotherapeutischer Sicht sind insbesondere zervikogene Kopfschmerzen, die mit Strukturen der Halswirbelsäule in Zusammenhang stehen, sowie bei bestimmten Patientinnen und Patienten Kopfschmerzen im Zusammenhang mit einer temporomandibulären Dysfunktion (TMD/CMD) von Bedeutung.
Damit stellt sich eine wichtige Frage: Muss die Ursache des Schmerzes immer dort liegen, wo wir ihn wahrnehmen?

Wenn die Ursache von Kopfschmerzen ausserhalb des Kopfes liegen kann
In der Physiotherapie betrachten wir nicht ausschliesslich die Stelle, an der der Schmerz wahrgenommen wird. Je nach Art der Kopfschmerzen und den begleitenden Symptomen kann es sinnvoll sein, weitere Strukturen in die Untersuchung einzubeziehen.
Eine physiotherapeutische Untersuchung kann daher unter anderem die Halswirbelsäule, den Übergang zwischen Kopf und Nacken, die Nacken- und Schultergürtelmuskulatur sowie das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur umfassen.
Die Halswirbelsäule
Die Halswirbelsäule spielt insbesondere bei Verdacht auf zervikogene Kopfschmerzen eine wichtige Rolle. Bei dieser Kopfschmerzform steht die Ursache mit Strukturen der Halswirbelsäule in Zusammenhang, obwohl der Schmerz im Kopf wahrgenommen wird.
Im Rahmen der Untersuchung können die Beweglichkeit des Nackens, die Qualität der Bewegungen sowie die Reaktion auf bestimmte Bewegungen und klinische Tests beurteilt werden. Dabei wird unter anderem geprüft, ob sich die bekannten Kopfschmerzen reproduzieren oder verändern lassen. Auch ein möglicher Zusammenhang zwischen den Beschwerden und länger anhaltenden Körperpositionen oder bestimmten Alltagsaktivitäten kann relevant sein.
Werden entsprechende Einschränkungen festgestellt, geht die Behandlung über ein einfaches «Lockern des Nackens» hinaus. Abhängig vom individuellen Befund können manuelle Techniken mit gezielten Übungen zur Verbesserung von Beweglichkeit, Bewegungskontrolle und Funktion der Halswirbelsäule kombiniert werden.
Übergang zwischen Kopf und Nacken und subokzipitale Muskulatur
Am Übergang zwischen Kopf und Nacken befindet sich eine Gruppe kleiner Muskeln, die als subokzipitale Muskulatur bezeichnet wird. Diese Muskeln sind an der Kontrolle der Kopfhaltung und der Kopfbewegungen beteiligt.
Bei manchen Menschen mit Kopfschmerzen kann diese Region empfindlich oder angespannt sein. Während der Untersuchung kann deshalb geprüft werden, ob Druck, Palpation oder Bewegungen in diesem Bereich die bekannten Beschwerden beeinflussen oder reproduzieren.
Wenn dies klinisch relevant ist, können manuelle Behandlungstechniken und gezielte Übungen für die Halswirbelsäule Teil des physiotherapeutischen Behandlungskonzepts sein.
Nacken- und Schultergürtelmuskulatur
Auch die Muskulatur im Bereich von Nacken und Schultergürtel kann bei Menschen mit Kopfschmerzen empfindlich oder belastet sein.
Länger anhaltende statische Positionen, wiederholte Belastungen oder andere muskuloskelettale Beschwerden können diese Strukturen zusätzlich beanspruchen. Deshalb konzentriert sich die physiotherapeutische Untersuchung nicht nur auf einzelne schmerzhafte Punkte. Je nach Beschwerdebild können Muskelempfindlichkeit, Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer und Bewegungskontrolle beurteilt werden.
Abhängig vom individuellen Befund kann die Behandlung manuelle oder Weichteiltechniken, aktive Übungen sowie Strategien zum Umgang mit Belastungen im Alltag umfassen.

Kiefergelenk und Kaumuskulatur
Ein weiterer Bereich, der bei bestimmten Personen mit Kopfschmerzen relevant sein kann, ist das Kiefergelenk (Temporomandibulargelenk) – die Verbindung zwischen Unterkiefer und Schädel.
Eine Untersuchung dieser Region kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn die Kopfschmerzen zusammen mit Schmerzen oder Spannungsgefühlen im Kiefer, Schmerzen im Bereich der Schläfen, Zähnepressen oder Zähneknirschen, Beschwerden beim Kauen, einer eingeschränkten Mundöffnung oder Schmerzen und Geräuschen im Bereich des Kiefergelenks auftreten.
Die physiotherapeutische Untersuchung kann die Beweglichkeit und Bewegungskontrolle des Kiefers sowie die Kaumuskulatur einbeziehen. Dabei sind insbesondere der Musculus masseter und der Musculus temporalis relevant. Je nach Befund können auch weitere Strukturen des Kausystems untersucht werden.
Werden relevante muskuloskelettale Befunde festgestellt, kann die Physiotherapie manuelle Techniken am Kiefergelenk und an den umliegenden Weichteilen, Massnahmen zur Reduktion der muskulären Empfindlichkeit sowie Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit und Kontrolle des Kiefers umfassen.
Wichtig ist jedoch: Zähnepressen, empfindliche Kaumuskeln oder ein Knacken im Kiefergelenk bedeuten nicht automatisch, dass damit die Ursache der Kopfschmerzen gefunden wurde. Ziel der Untersuchung ist vielmehr festzustellen, ob das Kausystem bei der jeweiligen Person tatsächlich in einem relevanten Zusammenhang mit den Beschwerden steht.

Wie geht die Physiotherapie bei Kopfschmerzen vor?
Die physiotherapeutische Behandlung von Kopfschmerzen sollte nicht mit einer bereits festgelegten Behandlungstechnik beginnen. Am Anfang stehen eine ausführliche Anamnese und eine individuelle klinische Untersuchung.
Bei einer Person kann beispielsweise eine eingeschränkte Beweglichkeit der Halswirbelsäule relevant sein. Bei einer anderen stehen eine erhöhte Empfindlichkeit bestimmter Muskeln oder eine verminderte Bewegungskontrolle im Vordergrund. Bei manchen Patientinnen und Patienten können die Symptome darauf hinweisen, dass neben dem Nacken auch das Kausystem untersucht werden sollte.
Abhängig vom individuellen Befund kann die Behandlung manuelle Therapie, Mobilisation, Weichteiltechniken, therapeutische Übungen, Training der Bewegungskontrolle sowie Beratung zum Umgang mit Belastungen im Alltag umfassen.
Das Ziel besteht nicht darin, möglichst viele Strukturen rund um den Kopf zu behandeln. Vielmehr sollen durch die Untersuchung diejenigen Befunde erkannt werden, die für die Beschwerden der jeweiligen Person relevant sein können. Die Behandlung wird anschliessend individuell darauf abgestimmt.

Wann ist Physiotherapie nicht der erste Schritt?
Nicht jeder Kopfschmerz hat einen muskuloskelettalen Ursprung und nicht jede Form von Kopfschmerzen sollte primär physiotherapeutisch behandelt werden.
Plötzlich auftretende und ungewöhnlich starke Kopfschmerzen, neu aufgetretene oder deutlich veränderte Kopfschmerzen, Kopfschmerzen nach einer Kopfverletzung sowie Kopfschmerzen in Verbindung mit Symptomen wie Schwäche oder Taubheitsgefühlen auf einer Körperseite, Sprach- oder Bewusstseinsstörungen, hohem Fieber und Nackensteifigkeit oder anderen plötzlich auftretenden neurologischen Symptomen erfordern eine entsprechende medizinische Abklärung.
Auch bei Migräne und anderen primären Kopfschmerzerkrankungen ersetzt die Physiotherapie weder die ärztliche Diagnostik noch eine notwendige medizinische Behandlung. Gleichzeitig können bei manchen Menschen zusätzliche Beschwerden der Halswirbelsäule oder des Kausystems bestehen, die physiotherapeutisch separat untersucht und behandelt werden können.
Bei Kopfschmerzen ist deshalb nicht nur entscheidend, wo der Schmerz wahrgenommen wird. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Faktoren bei der jeweiligen Person mit den Beschwerden in Zusammenhang stehen können.
Leiden Sie unter wiederkehrenden Kopfschmerzen?
Wenn Ihre Kopfschmerzen von Nackenschmerzen oder Nackensteifigkeit, Spannungsgefühlen am Übergang zwischen Kopf und Nacken, Beschwerden im Kiefer- oder Schläfenbereich, Zähnepressen oder Beschwerden bei Bewegungen von Nacken und Kiefer begleitet werden, kann eine physiotherapeutische Untersuchung dabei helfen festzustellen, ob muskuloskelettale Faktoren mit Ihren Beschwerden in Zusammenhang stehen.
Wenn Sie unsicher sind, ob Physiotherapie bei Ihren Beschwerden sinnvoll sein könnte, dürfen Sie sich gerne an uns wenden. Im Rahmen einer individuellen Untersuchung kann beurteilt werden, ob eine physiotherapeutische Behandlung angezeigt ist oder ob eine weiterführende medizinische Abklärung sinnvoll ist.



